Identitätskrise 8563694 b
Wer bin ich? Was will ich? Wie krieg ich es? Es holt mich einmal mehr eine Luxus-Identitätskrise ein.
Meine vorgängigen Krisen waren typisch weiblicher Natur. Diverse Haarkrisen trugen farbenprächtige Blüten verschiedenster Formen. In der Schuhkrise dagegen beschäftigte mich hauptsächlich die Frage, wie viel Absatz meiner wahren, inneren Grösse am nächsten kommt, ohne dass ich dem derzeitigen Lebensabschnittspartner über den Kopf wachse.
Noch viel bunter trieben es jedoch die Kleiderstilkrisen mit mir. Auf der Suche nach meinem Farbtyp scheiterte ich schon an den essentiellsten Verzweigungen. Ich konnte mich nicht entscheiden: Ist meine Haut nun eher elfenbeinfarbig, cremeweiss oder vielleicht doch beigegrau? Darf ich chronischen Eisenmangel mit einkalkulieren? Sind jetzt meine Haare "en nature" graubraun oder aschblond, wenn mein Friseur behauptet, sie entsprächen dem sogenannten mitteleuropäischen strassenköterblond? "It's all about making desicions!" pflegte mein Englischlehrer zu sagen. Aber trotzdem: Sind meine Sommersprossen rötlich oder gräulich, wenn sie meiner Ansicht nach braun sind?
Fragen über Fragen. Das schlimme daran ist, dass mit der idealen Farbe ja das optimale Material und der bestmögliche Schnitt sowie die vollkommene Kombination meiner Kleider noch gar nicht gegeben sind! Ich bin überfordert. Nein, ich bin überfragt!
So richtig an die Substanz ging es mir aber erst mit der Namenskrise. Das Bedürfnis ein neues E-Mail-Konto zu eröffnen, liess mich über meinen Namen sinnieren. Gleichzeitig meldete sich zum x-ten Mal die Alterskrise. Seit nominal bald zwanzig Jahren versuche ich mein reales Alter - natürlich gekoppelt an den Reifegrad - zu eruieren. Keine leichte Aufgabe, aber offensichtlich muss ich alt, bieder, fantasielos, seriös und erwachsen geworden sein, sonst hätte ich mich ja niemals für maya.kolarik vor dem @ entschieden.
Ich liess mir jedoch mindestens zwei Minuten Zeit für diese Entscheidung und überlegte reiflich, bis ich einen Eintrag ins grosse Buch der E-Mail-Adressen überhaupt ernsthaft erwog. Die Wahl des Namens sei wohl bedacht. Nomen Est Omen hat ein schlauer Mensch einmal gesagt. Aber hat dieser Mensch gewusst, dass Maya, wenn man es richtig bzw. eben falsch betont, der türkische Ausdruck für Hefe ist? Und kann er mir - sofern ihm das bekannt war -, erklären, wie ich das interpretieren soll?
Diese Frage beschäftigte mich unverhältnismäßig stark. Nach einigem fruchtlosen Ideennachjagen und der schieren Kapitulation vor dem Sinn des Lebens allgemein und dem meines Namens im speziellen begab ich mich an die Zürcher Weinausstellung "expovina". Meine philosophisch begabte Forschungstruppe, bestehend aus einem verkorksten Streber, einem Charmebolzen und einem unflätigen Jüngling schwankten in die Odyssee meiner Identitätssuche. Nach etwa fünf degustierten Schaumweinen kristallisierte sich folgendes Rezept aus meinen verworrenen Hirngespinsten, und ich begann mein Dasein als Hefe zu geniessen:
Man mische mich mit einer trockenen Problematik und füge etwas Flüssiges bei, und schon blähe ich das Ganze in Bestzeit auf knapp 3200 Zeichen auf. Bitteschön, Gern geschehen!
Relaxen für Anfänger
An einem brütend heissen Hochsommertag im zweitausendundvierten Jahre des Herrn verfügte mein überhitztes Gehirn über meinen stressgeplagten Körper: "Schwitze sinnvoller!" Da ich mit diesem Befehl nichts anfangen konnte, folgte kurz darauf die präzisierende Fussnote "sinnvoller = gesünder".
Einen angsterfüllten Moment lang glaubte ich, dass meine Lenkzentrale mich damit zu vermehrter sportlicher Aktivität bewegen wollte. Weit gefehlt! Sie fragen sich weshalb? Das lässt sich mathematisch begründen: Zahl eins repräsentiert Sport, den ich bereits treibe, Zahl zwei ist der Multiplikationsfaktor, der zeigt, um das Wievielfache ich jetzt meine sportlichen Betätigungen steigern sollte. Zahl eins ist fest definiert als null, Zahl zwei sagen wir mal eine Million. Faszinierend. Ich stelle fest, dass ich demzufolge auch weiterhin keine freiwilligen Bewegungen machen werde.
Meine geschätzten cerebralen Weisungen sind höchst selten rein stumpfsinniger Natur, weshalb ich mich nach obiger Nullnummer auf die Suche nach einer sinnvolleren Schwitzmethode als das Braten meiner chronisch blassen Haut auf dem glühenden Dach meines kleinen Reichs machte.
Was kann ich tun, damit es wenigstens so aussieht, als tue ich mir etwas Gutes, ohne dass eine tatsächliche Aktion meinerseits erforderlich ist? Für gelegentliche Massagen habe ich bereits diverse Bekanntschaften verpflichtet. Was konnte ich Zusätzliches unternehmen? Was ist angenehm, gesund und entspricht meinem Bedürfnis des Nichtstuns?
Ich beschloss, gemeinsam mit Madame in die Sauna zu gehen. Wie bereits im ersten Satz angedeutet, hatten wir unsägliches Glück mit dem Wetter. Ab fünfundachtzigprozentiger Himmelsbläue und Aussentemperaturen über 33 Grad Celsius hat man die Sauna sozusagen für sich alleine. Dies ist der Idealfall für Saunierlaien, wie wir das damals eben waren.
Jetzt bloss alles richtig machen. Unauffällig prägten wir uns die Anleitungstafel ein, um uns trotz auffallender Nacktheit ja keine Blösse zu geben, falls doch noch ein eingefleischter Saunacrack auftauchen sollte. Ja nicht verkrampft wirken. So tun, als ob man wisse wie es geht, möglichst schon beim ersten Mal völlig unbefangen scheinen. So kann kaum etwas schief gehen. Und dennoch lernt man erst durch wiederholtes Saunieren, wie man mittels optimalem Verhalten ein vorzügliches Erholerlebnis erzielt.
Fangen wir umgekehrt chronologisch an: Auf der Anleitungstafel wird man darauf hingewiesen, erst nach dem Saunieren zu trinken. Um auch die mit allem Dreck mitausgeschwitzten Mineralien, Vitamine und gesunden Was-auch-immer wieder zu sich zu nehmen, sollte man vor allem Fruchtsäfte trinken. Gleich neben meiner Stammsauna (ich habe ein Abo!) steht ein mittelgrosser Supermarkt, wo man praktischerweise auch ganz kleine Fläschchen Saft erhält. Meistens kaufe ich zwei davon und trinke eines sofort - für das gesundheitliche Gewissen. Das andere stelle ich zu Hause in den Kühlschrank, wo es dank liebenswürdigsten Personen mit Bestimmtheit schnell verschwindet. Saunieren ist gesund. Es ist gut für das Immunsystem, denn in der Sauna ist es (vor allem im Winter) meist wärmer als draussen. Es entspannt, denn es ist unter Umständen relativ langweilig und macht schläfrig, entsprechend hat man gar keine andere Wahl. Sehr gesund, wir trinken sogar einen kleinen Fruchtsaft, bevor wir uns einen Caramel Macchiato mit Schlagsahne, extra Shot Espresso und Vanillezuckertopping gönnen.
Corinne und ich setzen uns jeweils nach erfüllter Pflicht in unser Lieblingscafe und sorgen für die wahre Entspannung. Aus Rücksicht auf andere Saunabesucher muss man während dem gesunden Schwitzen nämlich unnatürlich leise sein. Kommt man dann nach Stunden mit klarem, befreitem Kopf wieder hinaus ins Kühle, haben sich die Lästerthemen so gut im Oberstübchen organisiert, dass man einen Monsterkaffeeklatsch zustande bringt. Grossartig. Entbürdend. Corinne und Maya gegen den Rest der Welt.
Nächste Regel in der Sauna: gänzlich ungezwungenes Nacktsein. Man ist frei, man ist Eins mit seinem (eigenen) Körper, man kennt keine Zwänge, keine Scham. Es gehört einfach dazu, das "Umeblüttle". Erstens, weil es glücklich macht (ui schau mal, die ist ja hässlich, voll die Schwimmringe/Pickel am Rücken/Hängetitten etc). Zweitens, weil es einfach angenehmer ist, alles frisch von der Leber weg rauszuschwitzen, als wenn man in einem Badeanzug festklebt, der biologisch gesehen ganz offensichtlich der Familie der isolierenden Neopren-Tauchanzüge zuzuordnen ist. Drittens ist Nacktheit wunderbar, weil man sich genüsslich über prüde verklemmte In-Badehosen-Sauna-Besucher mokieren kann (ab dem zweiten Saunabesuch). Und nie vergessen, was man schliesslich in der Sauna macht: relaxen!
Die unumstössliche Hauptvoraussetzung für wahrhaftige Entspannung ist jedoch die komplette Verspannung. Die ganze Chose ist doch nur halb so erholsam, wenn man nicht völlig futsch hingeht. Wie will man auch wirklich richtig arg entspannt aus der Sauna kommen, wenn man nicht vorher wirklich richtig schön verspannt war? Stress ist vor allem in urbanerem Gebiet die Modedroge Nummer eins. Nur der uncoole, untätige, wirtschaftlich völlig überflüssige, hinterwäldlerische, sozialschmarotzerische, unbedeutende Erdenbürger ist heutzutage noch von Natur aus entspannt. Um nicht in Verruf zu geraten eine Biotussi oder ein soeben beschriebenes Wesen zu sein oder - noch viel schlimmer - den Eindruck zu erwecken, man habe eine - oh Gott, oh Gott - unschickliche Motivation in die Sauna zu gehen, gilt es richtig gestresst zu sein. Falls man das einfach so nicht hinkriegt sollte man sich bis spätestens in der Umkleidekabine mindestens dreizehn abscheulichen, verachtenswerten, ekligen Umständen am Arbeitsplatz (z.B. Chef, Chefs Stinksocken auf dem Schreibtisch, Chefs Mundgeruch, vom Chef versabberte Kugelschreiber etc) bewusst werden, um wenigstens eine gewisse Entnervtheit heraufzubeschwören. An freien Tagen und am Wochenende gilt übrigens auch das Ach-so-schlechte-Gewissen aufgrund von wieder-einmal-viel-zu-viel-eingekauft oder die armen-schmerzgeplagten-Füsse infolge superschöner-aber-unbequemer-Schuhe als Stress.
Intensives Nicht-daran-denken aufgrund dussliger, vitaler Schläfrigkeit während der Ruhephase nach dem Schwitzen löst dann den sogenannten Entspannungseffekt aus. Dies ist das ganze Geheimnis. Also viel Vergnügen beim Sich-hinein-steigern.
Im Zweifelsfalle…
Den absoluten Frühlingstrend haben heuer wieder einmal alle verschlafen. Es ist altbekannt, dass frau sich die Lider einfärbt und ihre Lippen nahezu platzen vor kussechter Farbe und eingespritztem Eigenfett. Ob denn dieses Jahr grün oder eher rosé angesagt ist, kann mir egal sein; schliesslich habe ich das Nonplusultra der modernen Schminktechnik entdeckt.
Wangenrouge hat ausgedient. Neuestens verwendet man mit Vorliebe die Nuancen "Soleil", "Verte", "Aqua" und "Flieder". Wenn es aussieht, als habe man mit dem Chicken Curry den so deutlich rot markierten Mund verfehlt, dann ist's richtig. Wichtig ist auch, das Wangenrouge respektive -jaune an der richtigen Stelle aufzutragen. Besonders gut macht sich diese neue Farbe zum Beispiel zwischen den traditionell roten Bäckchen bis hinunter zur Unterkieferkante. Aber Achtung: nicht bis zu den Ohren! Etwas gewagt ist die Variante vom Jochbein zu den Mundwinkelgrübchen, wenn man denn solche hat. Man darf zwar auch diagonal arbeiten - ganz extravagant - hierbei gilt es jedoch Acht zu geben, dass die Nase ausgespart wird. Toll ist, dass frau diesen Frühling richtig dick auftragen darf! Je kräftiger die Farbe desto besser!
Der geschickte zwischen-den-Zeilen-lesende Hobbypsychologe hat bestimmt bemerkt, dass ich zurzeit ein Lila-Blau-Grün-Gelbes Gesicht und aus Ermangelung von Nachahmern ein geknicktes Selbstvertrauen habe. Als erstes die Entwarnung: mein Freund behandelt mich gut. Zweite Entwarnung: mein Kieferchirurge auch.
Trotzdem leide ich an postoperativen Minderwertigkeitskomplexen. Kein Schwein ruft mich an. Alle, die es dennoch tun, kapitulieren bald, da mein Geschwafel ziemlich unverständlich ist. Aber Leute: sprecht mal deutlich wenn ihr Fäden in der Oberlippe und eine Dehnapparatur mitten im Gaumen einzementiert habt! Wer mich zum lächeln bringt, hat ein schlechtes Gewissen, denn es folgt jeweils eine Schmerzensgrimasse. Da ziehe ich mich wohl besser gebrochenen Stolzes zurück ins stille Kämmerchen und schluchze vor mich hin - Adieu, du böse Welt!
Während den ärztlichen Zwangsferien habe ich sehr viel Zeit. Man denkt nach und fragt sich hie und da, ob es wohl richtig war zu tun, was man getan - bzw. zugelassen - hat. Diese Gedanken sind berechtigt, wenn auch unsinnig. "Aus einem Goldfisch kann man gut eine Suppe machen, aber andersherum funktioniert das nicht", erklären Patent Ochsner. Aber die Langeweile und die Zweifel bleiben.
Da hilft nur eines: die Bollywood-Week auf arte. Der Ausdruck Bollywood ist die Kombination von Hollywood und Bombay. Kommerzielle Bollywoodfilme dauern zwischen drei und vier Stunden, bestehen aus Kitsch, einfachen Choreografien, komischen Songs, mindestens einer farbenfrohen indischen Hochzeit und Liebesszenen in den grünen, sauberen, kühlen Alpen oder im grünen, sauberen, kühlen Schottland. Man weint grob geschätzt anderthalb Liter pro Film und ist am Schluss sehr glücklich, dass das garantierte Happy End auch wirklich gekommen ist. Bollywood hält, was es verspricht.
Ich habe schon kleine Videoclips mit der Titelmelodie aus "Kuch Kuch Hota Hai" (für Mitsinger: gutsche gutsche ota ee). herunter geladen. Mein Notnagel für schlechte Tage. Und mein neues Trendmotto lautet:
Im Zweifelsfalle… Bollywood!
Erwachsenwerden in drei Akten
Mit der Problemstellung "Mitläufer oder Individualist" habe ich mich schon des Öfteren befasst. Wie sich Prinzipien auf diesem Gebiet ändern, oder eben gerade nicht ändern und doch anders sind, sei hier am stets aktuellen Beispiel des Modeempfindens erklärt. Auch der soziale Aspekt meiner derzeitigen Schule, die Psyche der ländlichen Bevölkerung des Kantons und ganz generell der Unterschied zwischen "Maya 17" und "Maya 18" werden unter anderem thematisiert. Erwachsenwerden in drei Akten besteht unter anderem aus einem "damals" verfassten, exemplarischen Werks namens Cool bleiben, das sich mit meinem während meiner Kantonsschulzeit entwickelten Motto "selbstbewusst das tun, was andere doof finden", befasst. Der zweite Text schildert meine Entwicklung zur arroganten KV-Stadttussi und die damit verbundenen, nun auch geografisch bedingten Gefühlen, die ich gewissen Ausgeburten der Schöpfung entgegenbringe.
1. Akt, Sommer 2003 - Siebzehnjährig - Cool bleiben
Das Projekt "cool bleiben" kam auf der Zürcher Chinawiese ins Rollen, als meine beste Freundin Corinne und ich unseren Sonnenbränden fortgeschrittenen Stadiums ein wenig Mittags-UV-Strahlung gönnten. Die Hirnmassen brodelten unter unseren Schädeldecken nicht nur der Hitze wegen, sondern auch, weil wir uns ganz persönlich mit dem Problem konfrontiert fühlten, uncool zu sein. Deshalb beschlossen wir, das Geheimnis der Coolness ergründen zu wollen.
Im Grunde genommen mag ich dieses Wetter. Zwar verursachen die viel zu hohen Ozonwerte Kopfschmerzen, doch es geht nichts über wochenlang (tagsüber) Sonnenschein und die damit verbundene Möglichkeit entsetzten Erziehungsberechtigten die gesamte Minirock- und Hotpantssammlung zu präsentieren. Zudem macht mir endlich keiner mehr Vorwürfe wegen des ernährungstechnisch ungeschickten, ausgiebigen Glacé-Konsums. Dies ist zweifelsohne ein Fortschritt. Wer hat dieses Jahr schon nicht über die Stränge geschlagen was das Degustieren der neusten Mövenpickkreationen betrifft? Aber wenden wir uns den Geschehnissen am Zurich North Side Beach zu.
Nach der Feststellung, dass baden bei 28° Wassertemperatur nur geringfügig für Abkühlung sorgt, widmeten wir uns wieder unserer Studie. Vom Beobachtungsposten im Halbschatten aus analysierten wir die kurz vor dem Schmelzpunkt stehenden Passanten. Wir suchten nach gemeinsamen Merkmalen unter den Coolen. Das war schwierig. Während die meisten in den achso-hippen Flipflops zwar absolut dem diesjährigen Modediktat gehorchten, wirkten sie der Blasen zwischen den Zehen wegen eher unzufrieden. Wer sich stattdessen für modisch-aber-unpraktische Stöckelsandalen mit 10cm-Korkabsatz entschied, trug den ebenso bemitleidenswerten Gesichtsausdruck. Schliesslich sollten zu solchen "Schuhen" wegen der akuten Stolpergefahr Knieschoner mitgeliefert werden.
Nachdem wir uns mit Hingabe über weitere Vor- und Nachteile bestimmter Kleidungsstücke und Accessoires ausgelassen hatten, kamen wir eigentlich nur zu einem für uns überzeugenden Schluss: selber Trends kreieren. Als wirklich cool stuften wir nur die Personen mit eigenem, unkonventionellem, kreativ erfrischendem Stil ein. Schnurstracks pilgerten wir ins Inspirations-Mekka für Einrichtung und Kleidung: das Brockenhaus. Hier zwischen all dem alten Ramsch begann der preiswerte Kaufrausch und endete mit einer Erleichterung unseres Portemonnaies um knapp zwanzig Franken. Dafür hatten wir jetzt alles was für eine coole Aufmachung nötig ist:
ein alter Ledermantel, ein blau-weiss-gestreiftes, knielanges Opa-Pyjamaoberteil, Unmengen Sonnenbrillen und je ein Eis vom Kiosk.
Auf der Busfahrt zum Passfotoautomaten wurde uns eines klar: auffällig ist dieses Outfit allemal! Unser Ziel war erreicht, zumindest wir beiden fanden uns absolut cool!

2. Akt - Sommer 2004 - Achtzehnjährig (Erwachsen) - Zwischenbilanz
Ich schwelge in den Erinnerungen an den Hotpantssommer. Ja, das waren noch Zeiten, als meine Mami sich damit abfinden musste, dass auch das vierte und - Gott sei Dank - letzte Töchterchen, trotz zahl- und erfolgreicher Suchtpräventionsmassnahmen einen Weg gefunden hatte, ihrem pubertären Verlangen nach Rebellion Ausdruck zu verleihen. Irgendwie hat sich einiges geändert. Es ist wie damals, als ich zu Beginn der zweiten Klasse das Gefühl hatte "schon eine Grosse" zu sein. Ich finde auch jetzt, dass ich während des letzten Jahres ausgesprochen erwachsen geworden bin und ich auf die kleinen Siebzehnjährigen überlegen herabschmunzeln kann. Mami ist schliesslich nicht mehr derart erziehungsberechtigt und zudem wasche ich meine Kleider und putze mein Zimmer in Eigeninitiative. Ist das nicht eine extreme Weiterentwicklung?
Das erste Juventus-Jahr hat mich sehr verändert. Beispielsweise musste ich wiederholt einsehen, dass gewisser Kleidungsstil, sei er noch so sympathisch originell, manchmal einfach nicht angebracht ist. Die Rastalocken waren zwar äusserst alternativ, sehr individualistisch, leider aber bei der Lehrstellensuche wahrscheinlich ähnlich hinderlich wie meine so genannte Überqualifikation. Ich glaube, einzelne Ideologien, die zu sehr vom hiesigen "System" abschwören, können zwar liebenswerteste Persönlichkeiten hervorbringen, sind aber realitätsfremd, schlecht umsetzbar oder schlichtweg erschwerend im Berufsleben. Tut es denn wirklich weh, sich morgens in gewaschene Kleider zu packen? Wo liegt das Problem, bei der Arbeitskleidung auf Räucherstäbchenparfum zu verzichten? Weshalb muss man sich als halber Clown verkleidet durch den Alltag kämpfen? Ist es nicht viel anstrengender, dann zu versuchen trotzdem ernst genommen zu werden? Ich bin sicher, dass der Einzelne nichts Grosses unternehmen muss, um sich nicht dem Konflikt des "Belächeltwerdens" auszusetzen.
Ich habe mich irgendwann letztes Jahr entschlossen, dass ich lieber mit guten Leistungen statt einem gewagten Outfit auf mich aufmerksam machen will. Ich rufe hiermit zum Mut "normal zu sein" auf! Ich traue mich dies übrigens nur, weil ich überzeugt bin, mit meiner Persönlichkeit und meinen Heldentaten individuell genug zu sein um nicht auch noch "kasperln" zu müssen. Um mich zu verkleiden reicht mir meine Freizeit völlig aus. Meine Freunde schätzen meine regelmäßig auftretenden Extravaganzanfälle, die ich jedoch inzwischen gemässigter versprühe.
Dennoch kann ich kaum leugnen, dass meine Mamischocktherapien immer noch eines meiner beliebtesten Mittel sind, das Familienleben auf Seifenoper-Niveau zu halten, sprich zu beleben. Mit den kurzen Röcken hat sie sich mittlerweile übrigens abgefunden, bis sie sich an meinen immer höheren Stiftabsätzen (Schockmittel Sommer 04) nicht mehr regelmässig stört, dauert es wohl bis Sommer 05.
Nach unterdessen einem Jahr an der Handelsschule im tiefsten, pulsierenden Herzen Zürichs, werde ich mir langsam aber sicher bewusst, dass ich mir, neben etwas kaufmännischem Fachwissen, stadttypische Verhaltensweisen angeeignet habe. Wie sich diese äussern? Siehe 3. Akt!
3. Akt - Fasnacht im Spätsommer 2004 - wenn Provinzler feiern
Zürcher sind traditionsgemäss unfreundlich, in sich selbst verliebt, die einzigen wahren Stadtmenschen, dauernd gestresst, neurotisch, besserwisserisch, nervig, trendgeil und in erster Linie arrogant.
Eigentlich bin ich ja ein Mädchen vom Lande. Gut behütet bin ich in einem regional für seine rechtsextremen Auswüchse bekannten Dorfe erblüht. Deswegen bin ich im Grunde genommen auch empfänglich für
jene Anlässe, welche auf die leicht manipulierbare Psyche der Landleute abgestimmt sind. An der diesjährigen Wetziker Chilbi musste ich mir jedoch eingestehen, dass meinerseits kaum Spass aufkam. Meine Ideale, meine Lebensanschauung, mein gesamtes Charakterfundament, meine Mentalität - allesamt Opfer der Verstädterung. Wo vorher die verletzliche Seele des zart besaiteten Bergpflänzchen Maya war, regiert jetzt Beton, Warenhäuser und Fahrplan. Ich bin zu einer Stadttussi verkommen.
Wisst ihr was Chilbi ist? Die sorgt zwischen Mitte August und Ende September reihum in den Zürcher Städtchen und Dörfchen für schulfreie Montage. Folgende drei Punkte charakterisieren meiner Meinung nach die Chilbi für einen durchschnittlichen Teenager am zutreffendsten: erstens "Saufen". Da jeder dieses Gebot sehr ernst nimmt, sind alle besoffen und nichts ist peinlich. Daraus ergibt sich der zweite Punkt, nämlich "Chicks/Typen dämlich anbaggern" und folglich am andern Tag Punkt drei: "Kollegen anschwindeln, es sei toll gewesen". Zu behaupten, man habe schon lange nicht mehr so toll gekotzt und der Kopf schmerze wirklich nicht (aber auch dienstags zu Hause bleiben ist schon okay) ist natürlich auch ein unersetzbarer Bestandteil eines vergnüglichen Chilbi-Erlebnisses.
Der geneigte Leser hat bestimmt bemerkt, dass mit dieser Beschreibung die Chilbi das exakte spätsommerliche Pendant zur Zürcher Fasnacht bildet. (Zürcher Fasnacht ist eine eher fragwürdige, verkleidete Interpretation einer Ballermannparty bei arktischen Wetterverhältnissen). Der kleine Unterschied liegt in der Tatsache, dass man sich nicht zwingend kostümiert, um an die Chilbi zu gehen. Klar, einige Landmädels putzen sich für diesen Anlass besonders raus und beweisen unwiderlegbar, dass Kriegsbemalung auch heute noch in primitiven Völkern ein sehr beliebtes Mittel ist, die Wichtigkeit dieser Festlichkeiten zu unterstreichen. Dies ist auch logisch nachvollziehbar. Viele dieser Personen, die etwas weiter weg vom Krisenherd Zürich ihr Dasein fristen, sind sich keine grösseren Menschenmengen als die Warteschlange im Dorflädeli gewöhnt. Da wird ein provinzieller Grossanlass wie die Wetziker Chilbi leicht als das Aufrissfestival schlechthin gedeutet. Die pubertierenden Buben schmeissen sich "in Schale" (ihr kennt ja diese Hip-Hop-Pyjamapiraten) und auch die holde Weiblichkeit betont mit impertinenter Stoffknappheit und ewig falschen Kleidergrössen das Mass an Paarungsreife.
Bis vor etwa drei Jahren war die Chilbi auch für mich der einzige Lichtblick zwischen Schulbeginn und Herbstferien. Jetzt jedoch, wo ich mich als Städterin dermassen vom heimatlichen Pöbel unterscheide, sehe ich das Ganze aus einem völlig neuen Blickwinkel. Als Stosszeitenpendlerin habe ich folgende Eigenschaften annektiert: Ignorieren von geistesarmen Annäherungsversuchen, zügige, zielstrebige Fortbewegung in grossen Menschenmengen, effektives Drängeln am Imbissstand und natürlich auch, mit täuschend echt zürcherischer Arroganz die Nase knapp 10 cm höher als alle andern zu tragen (ohne Absätze).
Beinahe hätte ich mich frustriert vom Festplatz verdrückt, denn da ich kein Oberländer-Saufdeutsch mehr spreche, hat die Chilbi an Reiz verloren. Auch meine sportliche Fortbewegungsmethode hat mir den halben Abend vermiest, da ich nach 10 Minuten schon das ganze Gelände gesehen hatte. Doch wieder einmal rettet Corinne die Situation. Corinne, das Unfallkind vom Dienst, hat sich den Fuss verstaucht und mich ziemlich
ausgebremst. Zwar musste ich auf diese Weise so manchen Schweissgeruch länger als eine Viertelsekunde ertragen, hatte aber auch endlich Zeit Corinne chronologisch Ferienbericht zu erstatten. Ich gehe eben trotzdem immer wieder gerne an die Chilbis - nicht etwa wegen des Alkohols,
nein, auch nicht (mehr) wegen den bunten Hippietüchern und massenhaft Billigschmuck. Schliesslich bin ich jetzt erwachsen. Meine Liebe zur Chilbi findet in einem Wort Erklärung:
Zuckerwatte!
Über die Zwänge des Lebens - Nebenjobs
Er habe sich ihrer entledigt, der Fesseln der demütigenden Arbeit. Das Diktat der vorgesetzten Blutsauger stösst bei ihm auf taube Ohren. Michael, der Kämpfer, der tapfere, unerschütterliche, mutige Held meiner Geschichte, Michael hat Grosses vollbracht!
Michael hat gekündigt. Letzten Montag machte er mehr als eine Stunde Pause. Das macht ungefähr ein Drittel der Arbeitszeit aus. Erlaubt sind zehn Minuten. Ich bin so stolz auf meinen unerschrockenen Michi. Selbst ich habe die Pausenzeit überzogen, hab sie aber bloss verdoppelt.
Im Telefonlabor zu arbeiten ist einigermassen in Ordnung. Zwar verdienen wir zu wenig, jedoch müssen wir zumindest nichts verkaufen. Im KNIL Institut (Name von der Redaktion verdreht) machen wir Markt- und Sozialforschung oder anders ausgedrückt: durchleben wir eine weitere "Fröögli-Phase". Zwischen halb sechs und neun Uhr abends befragen wir Fünfzehnjährige bis Scheintote zu brisanten Themen wie die Gestaltung der Kochzeitschrift X, Rauchgewohnheiten, Arbeit, Waschmittel oder ob man die vorgespielten Radiomusikhörproben vermissen würde. "War der letzte Service vollkommen zufrieden stellend, eher zufrieden stellend, eher nicht zufrieden stellend oder gar nicht zufrieden stellend?"
Ja, wir wirken ab und zu etwas doof, wenn wir siebenundzwanzig Mal die gleichen vier Antwortmöglichkeiten vorlesen müssen, aber glaubt mir, wir sind nicht grundsätzlich beschränkt. Wir müssen diese Antworten genau so vorlesen wie sie geschrieben stehen. Schliesslich ist die Studie nicht repräsentativ wenn man nicht allen Befragten immer exakt die gleichen Möglichkeiten gibt. Dennoch haben wir nichts, rein gar nichts, dagegen, wenn die befragten Personen, nachdem man zum dritten Mal ansetzt, dasselbe vorzulesen, kapieren, was sie sagen sollen. Aber eben, Michael muss sich nicht länger aufregen, er hat das Ganze hingeschmissen. Noch am Montag sagte er für den Rest der Woche ab. Chapeau! Ich habe erst am Mittwoch meiner Karriere als Telefonbefragerin ein Ende gesetzt. Gut so.
Vorläufig entschuldigen die Diplomprüfungen meine Erwerbslosigkeit. Michael hat schon wieder einen Job, ich angle mir wenn möglich denselben. Promoter, die am See bei 30 Grad Gratisgetränke verteilen, kommen irgendwie besser an, als Telefonisten, die nach Feierabend beim Kochen, Essen, Fernsehen, Kinder-zu-Bett-bringen oder wobei auch immer stören.
"Ich denke du wirst weiterhin bei der KNIL arbeiten müssen; du bist nicht gleichermassen verfügbar für die Arbeit als Promoterin wie ich. Mein Stundenplan (dass ich nicht lache!) ist nun einmal viel flexibler als deiner."
Nix da! Ausser sterben muss ich überhaupt nichts!
Love sucks - oder warum ich nichts über Liebe schreiben will
Zum Thema Liebe eine Kolumne aus dem Ärmel zu schütteln ist mir zuwider. "Ich will nichts über Liebe schreiben!" maulte ich Cristoffel, unseren armen Titelbildgestalter an. "Dann nimm genau das als dein Thema!", meinte er. Das musste ich mir durch den Kopf gehen lassen.
Nach zweistündiger Zugfahrt und einigen unbrauchbaren Gedankengängen, kam ich zum Schluss, dass ich nicht über Liebe schreiben will, weil Liebe doof ist. Begründet habe ich dies mit der Tatsache ihrer Kompliziertheit (wir gehen an dieser Stelle nicht weiter auf den Streitpunkt ein, ob wirklich die Liebe, oder doch nur einfach die Frauen kompliziert sind). Während meines Heimwegs starrte ich lange auf eines dieser Zitate, die in den ICN-Zügen über den Fenstern geschrieben stehen. "Lieben Sie jemanden?", prangten dort die Max Frischs verbale Ergüsse. Dahinter las ich: "Woraus schliessen Sie das?". Frischi, du sagst es. Woraus schliesse ich eigentlich, dass ich verliebt bin? Ich hab’s ja lange genug geleugnet. Jetzt erst, jetzt als dieser Kretin von Halbgott mich vorübergehend, aber nicht zwingend definitiv, sitzen lässt, merke ich, dass ich’s nicht weiter ignorieren kann. Diese ekelhaft süssen Gedanken, die Sehnsucht, dieses Kribbeln der Vorfreude, ich hab sie die ganze Zeit gehabt, die Symptome der Liebe. Spätestens jetzt, als ich dieses Liebesgift nicht mehr in Form von Zärtlichkeit auf ihn abwälzen kann und es meine Adern verstopft, spätestens jetzt realisiere ich, dass ich trunken bin von diesen Gefühlen und sie mich von innen her zu sprengen drohen. Tun Sie aber nicht.
Nein. Einmal mehr paaren sich stattdessen Liebe, Angst, Kontrolle, Vernunft und Stress in wilder Orgie. Die teuren Kinderchen, die aus dieser Liaison knospten, horchen auf die Namen Liebeskummer, Enttäuschung und Zynismus. So werde ich doch noch die ungenutzte Überdosis Liebe in mir los. Ich absorbiere sie in Gestalt schlechter Laune. Love sucks. Wem ich meine Liebe gebe, dem gebe ich die Macht mich zu verletzen. Dieser Aspekt hat mir kürzlich die Suppe gehörig versalzen, daher auch der positive Touch dieses Artikels. Einige Tage suhle ich mich nun noch in meinem Unglück. Ein Glas Masochismus pur bitte, nur um zu beweisen, dass ich solche Gefühle haben kann; dass ich sie in ihrer ganzen Härte tapfer ertragen werde. Aber auch, weil ich das Recht dazu habe. Das Recht mich durch und durch miesepetrig zu verhalten und alle die mich mögen, zu nötigen an meinem Leiden Anteil zu nehmen.
Aber keine Angst, meine lieben Leser, bis dieser Bericht veröffentlich wird, sind schon Wochen verstrichen, und ich habe mich erholt. Nach einem Sturz sollte das Motto immer sein aufzustehen, und es beim nächsten mal noch mehr zu geniessen über den Wolken zu schweben! Trotziger Überlebenswille war schon immer eine meiner Stärken.
"I’d rather fall than never to have flown at all” singt die Poptusse am Radio. Ich nehme es mir zu Herzen.
Mein Style
"Jaja, die Maya, die hat sich auch verändert! Früher, da hatte sie noch so was Originelles in ihrem Style, aber heute. Alles 08/15. Langweiliger, unauffälliger, neutraler Tussenstyle. Das ist doch gar nicht mehr die Maya die wir kennen "
Ach?! Tatsächlich?! Wie bin ich denn?
Meine ehemaligen Mitschüler der Kantonsschule mögen sich noch gut an die Haare erinnern. Ich hatte sie mir exakt eine Woche nach Schulbeginn feuerrot gefärbt; zu dem Zeitpunkt als ich sicher war, dass alle Lehrer, die Namen nur mittels Polaroids lernen, ihre Klassenfotos gemacht hatten. Mit Freude beobachtete ich diese einmaligen Blicke anfangs der Stunde, wenn wir zwar die jeweils gleiche Sitzordnung beibehalten hatten, aber irgendetwas "einfach nicht stimmte". Der nicht ganz erwünschte Nebeneffekt war, dass mich die Lehrer schon viel zu schnell beim Namen kannten.
Als es schon gegen die Herbstferien zuging, erkundigte sich die Cousine meiner damals besten Freundin, ob wir uns gut eingelebt haben. Ja, schon, mir gefalle die tolerante Atmosphäre in meiner Klasse, man gehe ziemlich offen auf einander zu. Sie sehe es, ich habe auch schon diesen Musischstil angenommen, ich sei genau im richtigen Profil gelandet. Verdutzt schaute ich sie an. Was bitte sehr sei denn so unverwechselbar musisch an meiner Aufmachung? Der Leopardenjupe über den Jeans, dazu der knallrote Wollpulli und die Jeansjacke, die schon an einigen Stellen sehr abgenutzt aussah, die bequemen Latschen, die gefärbten Haare. Mir sollte es recht sein.
In der Sekundarschule hätte ich mich das nie getraut. Wenn ich da mal nicht BRAVO-GIRL-Konform kleidete, so gehörte ich nicht dazu. Sei’s drum, ich hatte Land und Leute an der Dorfschule sowieso nie gemocht. In der Kantonsschule fühlte ich mich entsprechend pudelwohl. Wenn Schrilles oder Gewagtes statt mit gerümpfter Nase mit Komplimenten zur Kreativität, zum Individualismus oder simpel zum Mut quittiert wird, so fühlt man sich bald bestärkt seine "Verkleidung" weiter zu entwickeln. Meinen Stil beeinflusst hatte aber auch eindeutig mein damaliger Freund. Beispielsweise damit, dass er meine von Dauerwellen und zigfachem Färben zerstörten Haare zu Rastas verarbeitete. Ich wollte schliesslich irgendwie extravagant, originell oder wenigstens anders als alle anderen am Kaiserball die Eröffnung tanzen. Auf diese kunstvoll komponierte Disharmonie, - Rastas und Swarovski-Diadem - war ich noch lange stolz.
Der Folgen eines solchen Wandels ins Extreme war ich mir nicht bewusst gewesen. Ich würde wenigstens wieder einmal alle überraschen und ein bisschen vor den Kopf stossen. Doch Rastas sind extrem. Nur wenige Frisuren vermitteln so eindeutig eine Einstellung. Es ist eine politische Frisur sozusagen. Zwar mochte ich die Rastas, da sie bei Manchen sofort Sympathiepunkte gaben. Andererseits sind Rastas einschränkend, sie lassen kaum Möglichkeiten sich zu verwandeln, in andere Rollen zu schlüpfen. Mir war es zu meiner Kantizeit enorm wichtig nicht allzu einfach einzuordnen zu sein. So achtete ich stets auf kleine Details die im Gesamtbild "stören". Ich wollte verwirren. Kaum ein Mensch ist so einseitig, dass man ihn mit ein paar Blicken wirklich einschätzen könnte. Zugegeben, ich tue das zwar oft bei anderen.
Kurz nachdem ich mir die Rastas machte, begann ich meinen Musischstil zu dämpfen. Den Zottelbär-Look auf dem Kopf versuchte ich mit etwas Entgegengesetztem zu vermischen; gezwungenermassen, wie ich anfangs vorgab. Es macht sich nun mal nicht gut beim Bewerbungsgespräch mit ungepflegten Rastas und in lange Samtröcke und Tücher verwickelt zu erscheinen. Wer sich diesbezüglich Illusionen macht ist selber schuld. Jugendliche Rebellion ganz in Ehren, aber manchmal stellt man sich damit einfach selbst ein Bein.
In den letzten anderthalb Jahren hat sich mein Stil einige Male geändert. Dies scheint mir absolut logisch, mein ganzes Umfeld hat sich ja auch laufend verändert. Mein Stil ist sehr stimmungs- und situationsabhängig. Mal will man auffallen, mal will man möglichst nicht beachtet werden. Mal ist man gut drauf, mal nicht. Viele die mich früher kannten und heute per Zufall treffen, sind überrascht oder verwirrt. Manche finden, ich sei mir selbst, meiner Art, untreu geworden. Zu normal, zu massentauglich sei mein Auftritt. Aber woher wollen sie wissen wie ich am Tag zuvor durch die Strassen wandelte? Woher wollen sie wissen ob ich nicht erst gestern mit einem Kamm und 8cm Absätzen die Damen und Herren Kirchenräte etwas durcheinander brachte, als ich ihnen meine Pläne für die Jugendarbeit präsentierte?
Ich bin immer noch ich, neue Szene, neue Rolle, aber immer noch durch und durch Maya. Ein anderes Umfeld, eine andere Schule, ein anderer Freund, der wiederum einen anderen Geschmack hat und mich dazu bringt einen anderen Teil meiner Garderobe zu tragen. Aber trotzdem ist das immer noch mein Kleiderkasten und mein Outfit, dass dann eben meine Stimmung zeigt. Ich fühle mich in dieser Aufmachung genau so wohl, wie ich mich vor ein, zwei Jahren in der Künstler-Attitüde-Rolle wohl gefühlt habe. Es ist einfach ein anderer Teil meiner Persönlichkeit,
der zum Vorschein kommt.
Vielleicht ist es aber auch nur eine neue Rolle die ich spiele und eigentlich sind sowieso alle Menschen nur formbare Hüllen, die sich ihrer Umgebung anpassen oder eben versuchen anders als diese zu sein. Jeder spielt eine Rolle; jeder verkleidet sich jeden Tag von neuem. Oder aber: wir spielen nie, wir sind immer uns selbst. Ich kann mich mit beiden Thesen anfreunden.
Spielisüchtig
"Gewonnen!", kreischt Corinne voller Freude und strahlt wie eine Atombombe. Die betagte Dame neben ihr zuckt vor Schreck zusammen; genau wie zwei Minuten zuvor, als ich triumphierend aufschrie.
Wir spielen nun schon seit mindestens einer Viertelstunde. Die Oma nebenan macht jeweils einen halben Hüpfer sobald die Siegerin jauchzt. Ich kann nicht genau nachvollziehen, weshalb. Sie beobachtet unser Spiel schon ein Weilchen, sie weiss wann eine Runde sich dem Ende naht, sollte sich eigentlich schon an unsere Euphorieausbrüche gewöhnt haben.
Versehentlich fällt mir eines der Plastikfischchen zu Boden, dummerweise exakt zwischen die kotzgrünen Kunstpelzstiefel meiner Sitznachbarin. Etwas unvermittelt bücke ich mich, was die schreckhafte Rentnerin wieder zu Zuckungen veranlasst. Scheinbar verängstigt krümelt sie sich auf ihrem Platz zusammen, ihr teures Handtäschchen umklammernd. Corinne kann ihr Lachen nicht mehr unterdrücken, sie prustet in kunstvoll künstlichem Hustanfall drauflos. Ich kann es ihr nicht verdenken, nach dreiundvierzig Runden Fischlispiel finde ich auch alles lustig.
Meiner Meinung nach ist es eindeutig ein positiver Nebeneffekt dieses Spiels, dass man so vieles als derart amüsant empfindet. Natürlich gibt es auch andere Produkte,
die den selben Zweck erfüllen, nur läuft ein rauschmittelloses Flash meist risikofreier ab. So würde ich wahrscheinlich im "Spieli-Rausch" Corinne davon abraten den Buschauffeur als Dinosaurier zu bezeichnen, selbst wenn gewisse optische Ähnlichkeiten bestehen. Solche Dummheiten geschehen nur unter Einfluss der falschen Konsumgüter. Mit
dem Fischlispiel kann man sich ohne weiteres an Banalitäten wie zum Beispiel an einem heruntergefallenen Sack Popcorn erfreuen (und diesen noch zwanzig mal fallen lassen). Klingt doch gut?!
Mittlerweile fragt ihr euch bestimmt, welches ominöses Spiel uns so beglückt. Es handelt sich dabei um "Schnappfisch" ein Geschicklichkeitsspiel für Kinder ab fünf Jahren. Acht Plastikfischchen "schwimmen" in einem abstrahierten Teich im Kreis herum. Dabei öffnen und schliessen sie ihre mit Magneten gefüllten Mäuler. Stehen diese offen, so gilt es hurtig mittels einer Angel mit magnetischem Köder, die Beute aus dem Kunststoffteich zu ziehen.
Den ultimativen Kick bietet dieses Spiel, wenn man es gegeneinander spielt. Nostalgiefreaks, wie wir es sind, fühlen und "zurück"-versetzt ins Kleinkindalter. Wiederentdeckt haben wir "Schnappfisch" beim Einkaufsbummel, auf der Suche nach einem geeigneten Spiel für den Postenlauf am JG-Fest. Danach stellten wir uns die Frage, ob man Spieli-süchtig werden kann und ob die Verkäufer wohl dagegen geimpft sind. Mittlerweile wissen wir eigentlich nur, dass damit "wegen Betriebsstörung" künstlich verlängerte S-Bahnfahrten zum kurzweiligen Erlebnis werden können. Allerdings scheinen nicht alle Passagiere gleichermassen begeistert. Zumindest die alte Dame hat sich einen neuen Sitzplatz gesucht.
Froh zu sein bedarf es wenig...
Im muffigen Computerzimmer sitze ich vor der Flimmerkiste und versuche vergeblich mir eine wenigstens passable Kolumne aus den Fingern zu saugen. Eigentlich habe ich absolut keine Lust mehr über das Thema zu schreiben, das ich gestern noch so überzeugend fand.
Während ich grimmig vor mich hin vegetiere und mich frage wie ich meine Laune verbessern könnte, klingelt das Telefon. Corinne. Entnervt gestehe ich, ihren Humor im Moment überhaupt nicht zu ertragen. Tausend Dinge gehen mir durch den Kopf. Warum nur? Warum war die letzte Woche so langweilig und warum wiederum ist diese Woche so vollgestopft mit verschiedensten Vorhaben, die so enorm viel Überwindung fordern? Am liebsten würde ich mich in mein Bett verkriechen und schlafen bis der Sturm vorüber ist. Corinne weiss im ersten Augenblick nicht recht was sie sagen soll und entschuldigt sich angerufen zu haben. "Nein, ist schon okay, bist ja eigentlich ne willkommene Abwechslung!" Jetzt hab ich auch noch ein schlechtes Gewissen, meine graue Stimmung auf ihr abgeladen zu haben.
"Was ist denn dein Thema?" fragt sie mit einem bemitleidend-mitfühlenden Unterton. "Froh zu sein bedarf es wenig war die Idee, die mir gestern eigentlich noch gefiel... ein Gute-Laune-Text". "Ah, voilà!" jauchzt sie. Mir wird diese Anhäufung positiver Energie zuviel und schlurfe in die Küche. "Schau zum Fenster raus! Unser ganzer Garten ist von hellblauen Blümchen zugewachsen und mittendrin steht verfault-bräunlich der
Komposthaufen. Das sieht bescheuert aus! Lachhaft!" Ich finde das eine überaus unsinnige und überflüssige Erkenntnis und muss das natürlich auch zum Ausdruck bringen. Wir diskutieren die Frage, weshalb gedämpfte und gebrochene Farben in bestimmten Kombinationen eine Qual für das Auge sind. Farbtheorie lässt grüssen. "Ätsch, bei mir sieht alles perfekt aus, absolut im Einklang! Grüne Bäume, rote Tulpen, gelber Löwenzahn, blauer Himmel... kitschig schön. Alles harmonisch. Hach, Frühling ist toll. Pollenattacken, triefende Nasen, aber es lohnt sich. Letzthin fielen mir im Wald die vielen spriessenden Pflänzchen auf. Die Kinder begannen sofort ihre "Osternäschtli" damit zu dekorieren und waren vollkommen beschäftigt, während ich in der Sonne relaxte. Frühling ist wirklich toll, was ein paar blöde Blümchen doch alles bewirken können." Corinne kichert wieder einmal. "Wunderbar, da hast du’s!
Froh zu sein bedarf es wenig!" Sie hat vollkommen recht. Schaut doch einfach mal zum Fenster raus!
Langeweile
Muss ich jetzt nervös sein? Soll ich mich gestresst fühlen, weil ich noch eine gute Note brauchen könnte um meinen fast rosigen Schnitt aufzubessern? Selbst wenn, das geht mir an meinem werten Hinterteil vorbei!
Heute habe ich einen schlechten Tag. Dreizehn Minuten vor sechs habe ich ihn dazu erklärt. Meinen schlechten Tag. Dienstag. Das ist astrologisch gesehen Tag des Mars, somit Tag der Widder, also eigentlich doch mein Tag, aber normalerweise mein schlechtester in der Woche. Schlecht ist er, weil er schlichtweg langweilig ist! Eigentlich hatte er ja gut begonnen: als der Dienstag siebzehn Minuten jung war, rief mich mein Freund an. Nach einer halben Stunde kurzweiliger (!) verbaler Zärtlichkeit - eine Diskussion über Selbstmord, eine Zusammenfassung über den vergangenen Tag und das allgemeine Süssholzgeraspel - (Anm. des Red. zur Vermeidung von Zweideutigkeiten), entschlossen wir uns, alleine aufs Sandmännchen zu warten. Bis hier hin war der Tag in Ordnung.
Leider weckten mich mein Handy, mein Wecker und mein zweites Handy für meinen Geschmack viel zu früh. 39 Minuten zu spät trennte ich mich das erste Mal von meiner Bettdecke. "Du könntest doch eigentlich noch zwei, drei Stunden weiterschlafen und dann vielleicht eventuell wenn ich dann noch ein bisschen Lust dazu habe zur Schule gehen...", flüsterte mir das kleine Teufelchen in der vernünftigen Hirnhälfte zu. In der noch vernünftigeren Hirnhälfte schrie nun das fette, blonde Engelchen, hüpfte übernervös auf und ab und versuchte dem armen Teufelchen die Zunge aus dem Mund zu reissen. Mein Teufelchen ist gut erzogen und biss zu. Mein Engelchen ist auch gut erzogen und biss zurück. Während ich die Schulsachen zusammenpackte und beim Anblick meines Physikhefts in einen unbeschreiblichen Zustand der vorgetäuschten Freude versetzt wurde, begann mich der innere Krieg zu langweilen. Ich unterbrach die zwei Kämpfenden und stellte Blondie zur Rede. "Wa wotsch? Was tuesch so blöd?" Engelchen begann vor Aufregung wie immer zu stottern: "Dedeudeutschaufsatz! MUSST Schule... Hast ja grad die Physikprüfung in den Fingern gehabt! Brauauchst eine gegenügende Nonote!"
Das hat was.
Ich musste widerwillig einsehen, dass Fettie recht hatte. Gerade als ich mich so halbwegs damit abgefunden hatte, gleich zur Bushaltestelle zu laufen, krachte meine Mutter ins Zimmer. Nach dem nicht ganz freundlichen "Hallo" holte sie noch einmal tief Luft und startete Operation "Bombardement-auf-gelangweilt-und-dennoch-gestresste-Maya". Fluchtartig verliess ich das Haus und erwischte knapp den zweiten Bus. "Heute kann mich nichts mehr umhauen! Das war schon genug schlechte Laune für drei Tage. Think pink... Deutsch. Ich mag Aufsätze eigentlich recht gut."
In der Schule kam es dann 20 Minuten später zur ominösen Gegenüberstellung. 24 Schüler hatten vor sich ein Blatt liegen, auf dem 8 Kreativitätsergüsse eines Spinners der Marke Lehrer zu literarischen Wunderwerken unsererseits anregen
sollten. Ich war doch nicht mehr so begeistert von der Idee einen Aufsatz zu schreiben und beauftragte Teufelchen dem Engelchen eine runterzuhauen! "Du hast mir das eingebrockt!" schrie meine innere Stimme und das dritte Auge fixierte Engelchen mit extrabösem Blick. Mein ganzer Körper war sich einig dass Engelchen den Aufsatz schreiben sollte. Ausser Teufelchen. "Er hat heute schon mal seine Unfähigkeit bewiesen! Am Ende gibst du noch einen Text zum Thema "I love you" oder "Es tut mir leid" ab, oder sinnierst über ideale Männer, Traumhäuser und all diese kitschigen K****(Exkremente)" Das leuchtete mir ein und ich sperrte Engelchen zum kleinen Monster in den Käfig hinter den Mastdarm.
Jetzt sitze ich im Compiraum und der Grossteil der Leserschaft wird sich fragen, weshalb diese Geschichte den Titel "Langeweile" trägt und wieso das sogar stimmt. Ich weiss nicht wie es dir, lieber Leser, geht, aber bei mir spielt sich dienstags IMMER diese oder eine ähnliche Geschichte ab. Ich habe es satt. Es langweilt mich! Ich freue mich von ganzem Herzen auf den Tag an dem ich einen Stundenplan erhalte auf dem Dienstag nicht der nervigste, langweiligste, am-meisten-Überwindung-abverlangende Tag ist!
So, es hat geklingelt. 90 Minuten sind vorbei. Engelchen darf wieder in die obere Etage kommen. Physik erwartet mich jetzt... Langeweile!!!